Rainer Greubel: Die Bestie vom Steigerwald (Romanauszug)

Eine Kostprobe aus dem Kriminalroman „Die Bestie vom Steigerwald“, Kapitel 9, Seite 79:

(Der Hauptdarsteller, der Journalist Paul Schnelle, hatte am Abend eine von Tieren attackierte, sterbende Frau mitten im Steigerwald aufgefunden, die Polizei gerufen und war erst spät nachts und völlig verwirrt nach Hause gekommen ...)

. . .
Ein Traum!
Er schnaufte heftig. Nur ein Traum!
Erst jetzt fiel ihm auf, daß er noch die Kleider des Vortages trug und im Wohnzimmer auf der Couch eingeschlafen war. Der Schwenker mit Calvados stand unberührt auf dem Tisch.
Paul Schnelle ging zu Bett. Ihm fielen die abenteuerlichen Geschichten rund um la Bête du Gévaudan ein. Er sah ganz deutlich jenes Mädchen vor sich, das laut der Überlieferungen das erste Opfer der mysteriösen Bestie vom Gévaudan war.
Jeanne hütete seit dem Nachmittag bis in die spät einsetzende Junidämmerung die Schafe ihrer Familie. Eine dunkel glühende Sonne brachte sich eilig hinter dem fernen, strichgeraden Horizont in Sicherheit. Die Herde bewegte sich in kaum erkennbarem Vorwärts über die ebene, versteppte Fläche, wo zwischen all dem welken Kraut hier und da ein frischer Grashalm wuchs. Karg war es damals wie heute auf den Kalkhochflächen des Gévaudan im Niemandsland zwischen Zentralmassiv und Cevennen, einem Landstrich der Leere, der Unzugänglichkeit, der Melancholie und tiefer Religiosität, die sich in steinkalten Gotteshäusern manifestierte.
Falls es zwischen April und September überhaupt einmal regnete, versickerte das Wasser sofort im klüftigen, karstigen Untergrund. Die dünne Bodendecke brachte nicht viel hervor, Felder gab es kaum, aber Dolinen, in die hin und wieder ein Schaf stürzte und vom Untergrund verschluckt wurde.
Jeanne saß in der heranfließenden Dunkelheit vor einem Gebüsch auf dem Boden, drehte einen trockenen Grashalm zwischen Zeigefinger und Daumen und ließ die Schafe gewähren. Sie waren fromm und genügsam; nur gelegentlich mußte man einen Träumer zurück zur Herde scheuchen. Es mögen zwei Dutzend Tiere gewesen sein, die der Familie Boulet in St. Etienne gehörten. Im Frühjahr waren ein paar Lämmer zur Welt gekommen; sie folgten ihren Müttern bei der langsamen Wanderung über den Causse.
Jetzt allerdings blieben die Schafe stehen, drehten ihre Köpfe synchron zu Jeanne. Sie schienen etwas zu hören. Zu sehen war nichts. Die blutrote Dämmerung war erloschen, der Mond von einer schweren Wolke verborgen. Womöglich hätte man sonst über die Weite der offenen Landschaft eine Bewegung erkennen können. Die Schafe standen starr, blickten weiterhin zu Jeanne und den Busch hinter ihr.
Dann duckte sich der Leithammel für einen Augenblick und platzte mit der aufgenommenen Spannung los, alle rannten mit, aufgewirbelten Staub zurücklassend.
Hinter Jeanne im Gebüsch knackte es; ein Knirschen wie von Schritten war zu hören. „Maman, c’est toi?“
Sie stand auf, hielt sich am Grashalm fest, hob die Hände vor die Brust und wandte sich zum Gebüsch um.
Ein knapp fünfzehnjähriges Mädchen allein auf weiter Flur zum Schafehüten zu schicken, war im Jahre 1764 gang und gäbe. In einer fast menschenleeren Gegend, wo in den versprengten Dörfern sprichwörtlich jeder jeden kannte und alle alles von allen wußten, übernahmen sogar noch jüngere Kinder verantwortungsvolle Aufgaben. Ein allmächtiger Klerus stellte die Regeln auf und überwachte sie. Obwohl staatsfern, gab es hier im Süden Frankreichs keine Verbrechen; vielleicht Sünden, aber keine Straftaten. Insofern fürchtete sich Jeanne eigentlich nicht, sich mutterseelenallein, weitab vom Dorf aufzuhalten, aber die Flucht der Schafe war ein seltsames Zeichen. Sie setzte einen vorsichtigen Schritt zur Seite, damit sie hinter den Busch schauen konnte.
Die schweren Wolken waren am Mond vorbeigezogen, metallisches Licht flutete den Schauplatz. Das letzte, was Jeannes Augen aufnahmen, war, wie ein Riesentier sie ansprang. Gewaltige Zähne gruben sich in Kehle und Hals.
Erneut riß es Paul Schnelle hoch.
Ein Traum, schon wieder ein Traum! Schon wieder ein Wolf?
. . .

Weiter geht die Leseprobe im Kapitel 18, Seite 122:

(In der Jetztzeit; ein im Steigerwald Schafe hütendes, knapp 15jähriges Mädchen, abends ca. 22 h, ein Auto kommt auf die Schafkoppel und das Mädchen namens Jeanne zu . . .)

„Papa?“ fragte sie zaghaft. „Bist du’s?“
Die Gestalt ließ die Autotür offen stehen, ging an ihr vorbei, dem Mädchen entgegen. „Na klar bin ich’s, wer denn sonst, der Kellermeister vielleicht?“
Jeanne war erleichtert. „Welcher Kellermeister?“ fragte sie.
„Zeig’ ich dir, komm mal mit!“ Während die beiden am Wotansborn vorbei ein paar Schritte in den Wald gingen, sagte er ihr, daß die Versammlung eine kurze Pause eingelegt hatte, in wenigen Minuten weiterdiskutieren und Beschlüsse in Sachen Abwehr eines Nationalparks treffen wolle; er müsse noch mal zurück nach Unterschleichach.
„Schau hier, dieses Denkmal: Das ist zur Erinnerung an Jörg Fuchs aufgestellt worden.“ Zwischen den licht stehenden Bäumen konnte man im Mondlicht einen weißen, würfelförmigen Sockel erkennen, auf dem eine mannshohe weiße Steinsäule mit einem Aufsatz stand. Bei näherer Betrachtung des Reliefs im Aufsatz sah man einen Mann, ein Pferd und einen Wolf.
„Dieser Bildstock heißt Kellnermarter, weil der Mann der Kellermeister auf Schloß Zabelstein war. Das Wort Kellner kommt vom althochdeutschen Kellenari und bedeutet auch Aufseher und Verwalter. Jener stellvertretende Amtmann Jörg Fuchs soll hier an dieser Stelle im Jahre 1577 mitsamt seinem Pferd von Wölfen überfallen und zerrissen worden sein.“
Vater und Tochter gingen zurück zur Schafkoppel. „War irgendwas los bisher?“
„Nein, nein“, behauptete sie eifrig, „nix los, gar nix.“
Wie früher, als sein Töchterlein noch ein Kind war, drehte er sich frontal zu Jeanne, schlang seine Arme um sie und drückte sie, wie schon seit Monaten nicht mehr. Lange hielt er sie väterlich fest umklammert. Dann verabschiedete er sich von Jeanne. „Halt’ bitte noch eine gute Stunde durch; dann bin ich wieder hier!“ Er stieg ins Auto, wendete und fuhr davon.
„Papa ist ja richtig süß“, dachte Jeanne, die von der Herzlichkeit des Abschieds überrascht, aber durchaus angenehm berührt war. „Klar halt’ ich noch ’ne Stunde durch; s’ist ja erst zehn.“
Dunkle Wolken zogen vor dem Mond vorbei. Jeanne blickte hoch, mußte schmunzeln, als die Silberscheibe wieder frei war und das Mondgesicht sie anlächelte. Jeanne lehnte sich an den Holzzaun der Schafkoppel und schaute über die Herde. Drollig sahen sie aus, die bleichen Wollsäcke; die meisten lagen, einige standen; gelegentlich rief ein Schaf ein „Mäh“ in die Dunkelheit. Der Mond beleuchtete dieses Bild des Friedens und knipste sein Licht wieder aus, so, wie gerade die Wolken herbeizogen. Bald schob sich eine ausgedehnte schwarze Wolke vor den Mond. Am Wotansborn und Kellnermarter wurde es dunkel. Ein Übergang vom Himmel zu den Baumwipfeln war ebenso wenig auszumachen wie die gerade eben noch so friedlich ruhenden Schafe. Der kleine Viehanhänger, der Schutz bieten konnte, war unsichtbar geworden. Jeanne erschien es, als ob man ihr eine Kapuze oder gar einen Sack über den Kopf gestülpt hätte, aber sie blieb ruhig. Heute war nicht die erste Nacht, in der sie Wachhund spielte. Außerdem war sie immer noch glücksbeseelt von den warmherzigen Umarmungen ihres Vaters und ihres heimlichen Freundes. Für Wotan oder den armen Kellermeister hatte sie keinen Gedanken frei.
Ein Schaf blökte aus dem Dunkeln, dann noch eins. Geräusche deuteten darauf hin, daß Schafe aufstanden. Bewegung kam in die Herde.
Das leise Knacken und Knirschen im Wald war dort, wo Jeanne stand, nicht zu hören, da sich jetzt auch die restlichen Schafe aufrappelten. Das tun Schafe manchmal mitten in der Nacht, wußte Jeanne, sie wandern in einen anderen Teil der Koppel und legen sich dort wieder hin.
Erneut knirschte es auf dem Erdweg im Übergang vom Wald zur Lichtung; dazu heftiges Schnaufen. Jeanne wandte den Kopf in diese Richtung. Sehen konnte sie nichts. Sie strengte ihre Ohren an. Im Viehanhänger müßte eine Taschenlampe liegen, fiel ihr ein. Tastend setzte sie im Gras einen Fuß vor den anderen, dorthin, wo sie den Anhänger wähnte. Erneut ein Geräusch auf dem Erdweg. Diesmal hatte sie es eindeutig gehört! Was war das? Geht da jemand? Kommt jemand aus dem Wald? Wer?
Sie atmete schneller, ging noch ein, zwei Schritte, hatte aber in der tiefsten Finsternis ihres Lebens die Orientierung verloren, wußte weder, wo sie noch wo der Anhänger stand. Sie nahm ihren Mut zusammen, richtete sich auf eine feste Stimme ein, brachte aber nur ein halblautes „Hallo, bist du’s?“ heraus. Statt einer Antwort vernahm sie nun, immer näher kommend, zweierlei Geräusche. Zum einen knirschte es, als preßten sich unter Wanderstiefeln lose kleine Steinchen in den unbefestigten Weg, zum anderen kratzte es, weniger laut, aber in schnellerer Folge, als trippelte ein Tier.
Die Schafherde geriet in Unruhe, die Tiere blökten lauter und lauter, drängelten weg von der Quelle des Unheils, eine wollige Masse preßte sich am entlegenen Ende der Koppel an den Holzzaun.
Die Riesenwolke war am Mond vorbeigezogen. Die Szene am Wotansborn ward von metallischem Weltraumlicht geflutet. Das letzte, was Jeannes Augen aufnahmen, war, wie vom Weg her ein Riesentier sie ansprang. Gewaltige Zähne gruben sich in Kehle und Hals.
. . .