Rainer Greubel: Ihr Kunstbanausen! (Romanauszug)

Ihr Kunstbanausen!


(Großer Staatsempfang anläßlich des Mozartfestes in der Würzburger Residenz) Der Mann auf der Rückseite des Spiegels grinste: „Der Herr Kommissar, ganz inkognito, beiläufig und diskret. Erst eitler Fatzke, dann schleicht er rum wie ’ne Katze, der Herr Kommissar. Schnelle Blicke aus den Augenwinkeln, überallhin, aber das Entscheidende kann er nicht sehen, he he he. So weit, so gut, aber hoffentlich kommt jetzt endlich unser Doppel-B und dann funkt’s, dann raucht’s im Gebälk, Ihr Kunstbanausen!“ Die flinken Augen von Scholl musterten jeden eintretenden Gast von Kopf bis Fuß, auch den braungebrannten mit den schwungvollen Haaren. „Den kenn’ ich aus dem Fernsehen. Das ist, das ist, ach ja: André Rieu, der geigende Holländer.“ Scholl wußte, was jetzt kommen würde. „Jedesmal das gleich Zeremoniell, wenn sich Promis treffen: Bussi links, Bussi rechts, schaust gut aus, warst im Urlaub, ach nein, sooo viele Engagements.“ André Rieu war weniger aufdringlich, geradezu gentlemanlike, als er Anne-Sophie Mutter begrüßte. Die beiden Weltstars sammelten Bekanntheit, Ruhm und jede Menge Gage, standen musikalisch aber auf verschiedenen Ebenen. Die hehre Kunst auf der einen Seite, der reine Kommerz auf der anderen. Handwerklich waren sie sich vielleicht ebenbürtig. Scholl schnappte Wortfetzen des Smalltalks auf. Als Anne-Sophie Mutter aus ihrem Handtäschchen eine Visitenkarte zog, um sie André Rieu zu überreichen, glitt ihr gleichzeitig ein feines Taschentuch heraus. Scholl, der in unmittelbarer Nähe stand und äußerst schnell reagierte, wenn es darauf ankam, ging blitzschnell in die Hocke und schnappte das zarte Tuch noch vor Erreichen des Bodens. In dieser tiefen Stellung schaute er zufällig in die seitliche, runde Öffnung eines wie eine Säule stehenden, kombinierten Aschenbechers/Abfalleimers aus Edelstahl. Er verharrte ob dessen, was er erblickte. „Nanu, ein Mobiltelefon im Abfalleimer?“ Er schaute genauer hin. „Dazu ein paar Drähte und irgendwelche Päckchen?“ Dem Mann auf der anderen Seite des Spiegels war kurzfristig die Sicht auf diesen Aschenbecher/Abfalleimer verdeckt gewesen, weil sich zu viele Schöne im Spiegel ihrer Schönheit vergewissern wollten. Jetzt erblickte er den Kommissar, hockend in den Abfalleimer starren. Er mußte handeln. Schnell das Mobiltelefon aus der Tasche und die Nummer gewählt: Vorwahl, zwei Ziffern und dann 58678. Obwohl nur Zehntelsekunden vergangen waren, erschienen sie Scholl wie eine Ewigkeit. Wie in einem Traum sah er sich in Zeitlupe aufstehen, den Aschenbecher/Abfalleimer unter den Arm klemmen, im Slalom durch die Gäste zirkeln, einige beiseite stoßend, zur Glastür auf der Hofgartenseite rennen und in kühnem Salto vorwärts durch die geschlossene Glastür kreiseln. Bereits als er sich im Splitterregen über den Sandweg abrollte, warf er die Metallröhre weit in ein Rosenbeet des Hofgartens. Noch durch die Luft fliegend knallte es, ein Blitz zischte auf und noch einer und viele kleine Explosionen folgten, wie bei einem Tischfeuerwerk. Knatternd und ratternd lag die Röhre im Rosenbeet und spuckte Feuerwerk und Qualm. Ein paar Sekunden, dann war der Spuk vorüber. Ein widerlicher Geruch von faulen Eiern zog durch das Rosenbeet und über den Rasen. Der Mann hinter dem Spiegel konnte dies alles nur grob mitverfolgen, weil die Sicht aus seinem Versteck es nicht besser erlaubte, und weil die Gäste ihm die Sicht nahmen, als sie nach dem ersten Augenblick des bloßen Zusehens zur Fensterfront rannten, um das Knallen und Prasseln des Feuerwerks besser sehen zu können. Dem Verborgenen war es ohnehin egal, was draußen passierte – drinnen hätte das Ding losgehen sollen, im Raum natürlich! „Dieser blöde Möchte-gern-James-Bond verdirbt mir die ganze Show! Das hätte so schön gezischt und die ganze Highsociety wäre wie ein Hühnerhaufen auseinander gestoben, hätte nach den Bodyguards gerufen, und alle VIPs wären empört aus Würzburg geflüchtet. Am Ende glauben die jetzt noch, das war ein eingeübter Stunt“, grollte der Mann hinter dem Spiegel. Die Oberbürgermeisterin als Einladende zum Mozartfest faßte sich schnell, trat ans Rednerpult und verkündete: „Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Gäste, bevor ich für die Grußworte zum Staatsempfang das Wort an den Vertreter der Staatsregierung weitergebe, möchte ich Ihnen den Sinn dieser soeben erlebten Aktion näher erläutern. Damit Sie wissen, daß die bayerische und die Würzburger Polizei Hand in Hand arbeitet und Sie allzeit perfekt beschützt, haben wir diese kleine Stunt-Show inszeniert. Ich finde, das ist einen Applaus wert!“ Der Mann hinter dem Spiegel wäre am liebsten aus seinem Versteck gesprungen und hätte quer durch die Gesellschaft zum Rednerpult gebrüllt: „Lügnerin, Heuchlerin, Hexe! Eiskalte Hexe!“ Er wandte sich vom Spiegel ab, murmelte „Die Frau ist gefährlich; die muß weg, Frau Dr.-Hexe!“ und verschwand aus seinem Versteck durch einen Geheimgang, so, wie er gekommen war.

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(C) Rainer Greubel 2004

Auszug aus: Ihr Kunstbanausen, erschienen 2004 im Eigenverlag

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