Ulrike Sosnitza: Ein Klick zu viel (Romanauszug)

 Prolog

Jemand rüttelte an ihrer Schulter. Mere wandte sich ab, stöhnte. Ihr Kopf zersprang bei der geringsten Bewegung.

„Du musst gehen“, sagte er. Philipp. Seine Stimme war ihr vertrauter als die eigene. Er stieß an die Kornflasche, sie kullerte unters Sofa.

„Schrei nicht so, mein Kopf“, sagte sie.

„Der Kleinert kriegt heute den Schlüssel.“

Sie hatte Schmerzen, und er kümmerte sich um irgendwelchen unwichtigen Scheiß. Kurz öffnete sie die Augen, aber die Sonne blendete.

„Ich krieg noch Geld von dir“, flüsterte sie, „Du hast mich bestohlen.“

„Von wegen bestohlen, das war eine Bürgschaft, und die hast du freiwillig unterzeichnet.“

Sie hörte, wie er in die Küche ging und mit jemandem redete. Mühsam richtete sie sich auf. Das Kind hustete rasselnd, plapperte Unverständliches.

Er hatte ihre Sachen auf den Sessel gelegt, Daunenjacke, Stiefel. Mütze. Sie zog sich an.

„Du solltest dich verabschieden“, rief er aus der Küche.

„Hast du Geld für mich?“, schrie sie zurück.

„Nein“, sagte er und trat wieder ins Wohnzimmer. Auch er trug bereits Schuhe und Jacke.

„Julia fragt immer nach dir.“

„Wenn du kein Geld hast, tja. Sie wird mich sowieso vergessen, sie ist noch nicht mal zwei.“

„Du verhältst dich wie deine eigene Mutter.“

„Und, hat es mir geschadet?“

Er streckte die Arme aus, zog sie an sich und ließ sofort wieder los.

„Mensch, hast du getankt“, sagte er.

„Aber eine Kippe auf den Weg hast du noch, oder?“

Er drückt ihr ein Päckchen in die Hand. Halbleer. Alter Knauserer. Zitternd zündete sie sich eine an.

Als sie die Kälte draußen betrat, standen zwei Männer am Jägerzaun. Einer im Anzug, einer in gebügelten Jeans. Philipp begrüßte sie, aber Mere ging ohne ein Wort an ihnen vorbei.

Aus: Ulrike Sosnitza: Ein Klick zu viel. - Würzburg: Königshausen und Neumann, 2013.