Ulrike Sosnitza: Loslassen

Jetzt liege ich hier. Messer stecken in meinem Rückenmark, im Gehirn, im Kiefer. Dünne, zarte Klingen, Floretten gleich, sie treffen präzise, ohne dass ich den Sinn erahne, oder einen Rhythmus, um mich wappnen zu können. Ein dünner Faden glutroten Schmerzes zieht vom Kiefer über den Hals bis zu meinem Ohr.
In meinem Stöhnen liegt keine Hoffnung mehr auf ein schnelles Ende.
Unberechenbare Stille tritt ein. Ich halte die Augen weiterhin geschlossen, selbst durch die Lider blendet mich das weiße Licht. Metallisches Geklappere. Ein Stuhl rollt über den Linoleumboden. Von ferne höre ich ein Telefon klingeln.
"Lass los", denke ich, "lass ihn gehen, halte ihn nicht fest. Du brauchst ihn nicht mehr."
Punktuelle Hitze und ein widerwärtiger Gestank mischen sich zu dem wieder einsetzenden Schwingen der Messer, ihrem sirrenden Lärm.
"Lass ihn los", wiederhole ich unzählige Male, "lass ihn endlich los", und die aufkeimende Erinnerung verdrängt die Qualen.
"Lass ihn los", dieses Mantra kenne ich doch. Jahre ist es her. Entspannung, tief Atmen, sämtliche Gedanken ausschalten und auf diesen Punkt konzentrieren. Loslassen.
Und ich ließ ihn gehen. Mit letzter Kraft wurde die Trennung vollzogen.
Die Gedanken hinter meiner Stirn lächeln, bis der Schmerz mich wieder in seiner Hand hält und die Erinnerung zerquetscht.
Worte, deren Sinn mir verschlossen bleibt, dringen an mein Ohr, bis ich, beinahe zärtlich, eine Berührung an meiner Schulter spüre und es wage, die Augen zu öffnen.
Mein Zahnarzt lächelt mich gequält an.
Er hält eine Zange vor mein Gesicht, kurz nur. Dann seufzt er erleichtert.
"Die erste Wurzel ist draußen!"
Klang es nicht wie ...?
Loslassen, bis das Köpfchen draußen war. Ein letztes Mal pressen. Ein letzter, leichterer Schmerz. Warmes Wohlgefühl, als mein Sohn in meinem Arm lag, eben noch ein Teil meiner Selbst.
Die beinernen Reste meines Körpers landen dumpf klappernd in einem Plastikgefäß.
"Das passiert sehr selten, dass der Nerv sich nicht betäuben lässt. Ich spritze noch einmal direkt in den Zahn, vielleicht nützt es doch noch etwas."
Vorsichtig nähert sich die Nadel meinem Kopf.

Dem Schmerz ergeben schließe ich die Augen und setze die Beschwörung meines Weisheitszahnes fort.

(C) Ulrike Sosnitza 2008