Hans-Jürgen Beck: Der Löwe Jonathan (Auszug)

Aus: Hans-Jürgen Beck - Phantasien aus der Weltprovinz

Urheberrechtlich geschütztes Material!

 

Im zoologischen Garten war der Teufel los. Vielmehr der Löwe. Denn der, der Löwe Jonathan hatte des Nachts seine Löwin totgebissen und war anschließend entflohen. Und das, obwohl er bisher kaum Grund zur Klage gegeben hatte.
    Ruhig und sanft hatte Jonathan seine Tage verbracht. Egal, ob das Futter in der falschen Ecke lag, egal ob vergessen wurde, den Kot wegzuräumen oder nachts das Licht auszumachen, ganz egal, was - Jonathan war die Ruhe in Person geblieben. Auch hatte er immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte des Cheftierpflegers gehabt, der seine familiären Zwistigkeiten, mangels Interesse bei seinen menschlichen Gefährten, seinem tierischen Kameraden mitteilte. Die fröhlichen Gutenmorgenwünsche des Pflegepersonals erwiderte er mit einem gutmütigen Brummen. Und tagaus tagein verfolgte er auf seinem im Freigehege künstlich aufgeschütteten Erdhügel gelassen, ja geradezu stoisch, das Treiben der Zoobesucher – rein aus Neugier, beileibe nicht aus Gier, denn die vorbeidefilierenden Menschen als potenzielles Futter einzustufen, kam ihm nie in den Sinn, war er doch im Zoo geboren und dort ausreichend versorgt worden.
    Seine Gehegegefährtin Laurentia war ihm eine stetige und treue Begleiterin gewesen. Sie umschnurrte ihn, wenn er döste, sie leckte ihn in den Schlaf und sie bereitete sein Fleisch mundgerecht zu, so dass er nur noch zu schlucken, kaum mehr zu beißen brauchte. Er ließ dies behaglich über sich ergehen.
    Und nun: Mord und Totschlag im Löwenhaus! Und dazu Täterflucht! Ein entwichener Löwe, der irgendwo draußen in der Stadt lauerte und womöglich doch Gelüste auf den Verzehr menschlicher Muskeln und entsprechender Innereien entdecken könnte!
    Der Umschwung in seiner gemächlichen Lebensweise war mit der Ankunft von Masamba eingeleitet worden.
    Masamba war eine gerade der jugendlichen Frische entstiegene, betörend weibliche Löwin von schlanker, vehement katzenartiger Gestalt. Sie entstieg – ach, was heißt: entstieg? – sie glitt anmutig damenhaft aus der Transportkiste und schlängelte sich erotisch aufreizend in das Eingewöhnungsgehege, so dass nicht nur jeder Löwenmann, sondern jedes andere männliche Lebewesen mit einem auch nur ansatzweise vorhandenen Bezug zum Katzenartigen in entzückte Aufregung und wallende Emotionen versetzt wurde. Sie war Jonathan von der Koordinatorin des europäischen Erhaltungszuchtprogramms für Zoolöwen zugewiesen worden, nach strenger genetischer Analyse aller verfügbaren Löwendamen und umfassender demographischer Analyse des Löwenbestands der europäischen Zoos.
    Jonathans Herz entflammte schockartig pumpend für die Neue. Da er infolge des Zwangsaufenthaltes Masambas im Eingewöhnungshege nicht sogleich an sie herankam, tobte er herum, jaulte, brüllte, winselte, flehte, miaute, lag stundenlang lauernd vor Masambas Käfig, hatte nur noch Augen und Nase für sie, seine Angebetete, die Göttliche, welche seine heftigen Werbungen kokett erwiderte, verschämt zur Seite blickte, schnurrend ihre Augen schloss und ihren Schwanz in scheinbarer Gelassenheit auf und nieder wippen ließ. Irgendwann hatten die Pfleger ein Einsehen und öffneten die Schiebetür. Jonathan stürzte sich sofort auf Masamba und rammelte munter darauf los, dabei genüsslich die Augen verdrehend. Nachdem sie drei volle Tage ihre erotischen Lustbarkeiten dem begeisterten Pflegepersonal und den wollüstig blickenden Zoobesuchern präsentiert hatten, wichen sie auch in der Folgezeit keine Sekunde voneinander.
    Laurentia hingegen darbte eifersüchtig. Ihre Bemühungen um Jonathan steigerten sich ins Unermessliche, liefen aber ins Leere. Ihre Schnurr- und Leckbestrebungen wurden mit beiläufigen, aber heftigen Schwanzschlägen abgewiesen. Auch weitere verzweifelte Annäherungsversuche beantwortete Jonathan mit grimmigem Geknurre. Als Laurentia kurz davor war, sich in selbstmörderischer Absicht in den tiefen Wassergraben zu stürzen, wurde Masamba plötzlich abgeholt und in einen anderen Zoo verfrachtet. Die Koordinatorin hatte sich – so ließ sie in einem bedauernden Schreiben verlauten – in ihren Berechnungen geirrt und Masamba müsse sofort abgezogen werden, um genotypische Verwicklungen zu vermeiden.
    Der Löwe Jonathan wurde über Nacht vor vollendete Tatsachen gestellt. Als er begriff, dass die Trennung wohl endgültig sein würde – einer der Tierpfleger hielt ihm das so verhängnisvolle Schreiben der Koordinatorin unter die Nase -, wütete er einen vollen Tag und die darauffolgende Nacht herum und verfiel dann in einen apathischen Starrezustand. Nun sah Laurentia erneut ihre Stunde gekommen. Sie versuchte, sein Wohnumfeld zu verschönern, drapierte ihm sein Strohlager in gefälliger Weise, schmückte seine Fressecke mit bunten Girlanden, tapezierte sein Nachtlager mit Savannenfotos, putzte, schrubbte und leckte zweimal am Tag seinen bevorzugten Aufenthaltsplatz sauber, zerteilte ihm sein Futter nicht nur mundgerecht, sondern servierte es ihm in silbernen Schüsseln, garniert mit zarten Frühkartoffeln, Waldchampignons, Artischockenherzen und – welch apart-raffinierter Einfall! – Löwenmäulchenblüten. Leider vermochte all dies nicht, ihren Artgenossen davon zu überzeugen, dass sein Leben auch weiterhin sinnvoll gestaltbar sein könne. Jonathan bewegte sich nicht vom Fleck. Der Tierarzt meinte, auch Löwen hätten wohl mal Liebeskummer und das würde sich schon geben. Es gab sich aber nicht. Bis ...
 

>>> Fortsetzung in "Phantasien aus der Weltprovinz"

 

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