Hans-Jürgen Beck: Der Fluss, die Städte, die Sehnsucht ... (Auszug)

Aus Hans-Jürgen Beck: Phantasien aus der Weltprovinz

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Sie erzählte vom stillgelegten Umlaufkanal an der Burkarder Bastion, sie erklärte den früheren Nutzen der "Kleinen Schleuse" vor dem Streichwehr und sie verbildlichte in blumigen Worten die vergangene Kettenschlepp-Schifffahrt am Main. Er dagegen, er hörte zu. Und nichts sehnlicher wünschte er sich, als dass sie, die Erzählende, ohne hindernde Umläufe seine Bastion erobere und dass sie weder kleine noch große Schleusen daran hindern sollten, ihn in das Paradies zu schleppen. Ob dies auf einem Schiff geschähe, am Ufer des gepriesenen Flusses, im Himmel oder in der Hölle gar, das war ihm herzlich einerlei

Aus dem zweihundert Kilometer flussabwärts gelegenen Frankfurt war er angereist, um wieder einmal seiner alten Heimat Würzburg einen Besuch abzustatten. Würzburg, die Stadt, der er ein paar Jahre nach dem Studium wegen einer überraschend angebotenen Stelle in einem Frankfurter Museum den Rücken gekehrt hatte, die Stadt, die ihn aber immer noch umklammert hielt, auch nach über fünf Jahren nicht freigeben wollte. Immer wieder war er zurückgekommen zu einem Besuch, zu einem Wiedersehen, gegen den Strom des Wassers, des Vergessens, zurück in seine Vergangenheit.
    Früher hatte er sich in seiner Hassliebe zu dieser Stadt gesonnt. "Nach Wasser, Teer und Weihrauch" rieche sie, diese Stadt, hatte er in einem der Romane des mit ihr elegisch verbundenen Leonhard Frank gelesen. "Nach Provinz, Abgasen und Betulichkeit" hatte er selbst damals gelästert und sich über diese Mischung aus provinziellem Kleinmut, kontrollierter Weltoffenheit und unbändiger Selbstzufriedenheit nie beruhigen können. Er, Helmut Greiner. Als er aber dann das Vertraute hinter sich lassen musste, anfangs noch voller Spannung auf das Neue, voller Genugtuung darüber, den, wie er sich ausdrückte, "Absprung geschafft" zu haben, überfiel ihn die Wehmut. Zu viele Erinnerungen tobten in ihm, und immer noch verlor die ausufernde Atmosphäre seines jetzigen Wohnortes gegen die klammernde Gemütlichkeit der unterfränkischen Hauptstadt.
    Und nun hörte er dieser Gästeführerin zu und schwelgte im Klang ihrer Stimme. Über die "Lebensader Main" redete sie und er veranschaulichte sich inmitten dieser Touristengruppe, wie es wäre, wenn ihre Lebensadern für ihn pulsieren würden.
    Zuvor, am Vormittag, hatte er aus alter Leidenschaft das Käppele aufgesucht, jenen erhabenen Barockzierrat hoch über der Stadt, und damit gestärkt unten angekommen, ist er dann unverhofft Maria begegnet, seiner alten Freundin aus vergangenen Tagen. Damals, in einer längst vergangenen Zeit, waren sie ein Herz und eine Seele gewesen, damals in Würzburg, als sie, Maria, und er, Helmut, ihre Freundschaft pflegten, und allen Unkenrufen zum Trotz das Beziehungen zwischen Mann und Frau vermeintlich Prägende stets vermieden hatten. "Ich glaube, du bist meine beste Freundin", hatte sie ihn mehr als einmal schalkhaft angelächelt. Zuweilen hatte es für ihn andere Frauen für das "Andere" gegeben, für das, was er mit Maria nicht ausgelebt hatte. Meistens hatte er mit Maria über diese Frauen gesprochen, so von Mann zu Freund, so von Frau zu Freundin, sie hatte ihm ja auch immer zugehört, aber nie mit ihm über andere Männer geredet. Bis zu jenem Tag, als sie freudestrahlend angekommen war und sich über Manfred ausließ, der, ja, der hätte die Frau in ihr geweckt, der, oh, der ließe sie neu leben, sie wisse gar nicht, wie ihr geschehen sei, er wäre einfach da gewesen, bei ihr, und sie, ja, sie hätte sich ihm ergeben und jetzt wären sie ein Paar. Und ihr Leben hätte einen neuen Sinn gewonnen.
    Ach nee ...
    Ach so ...
    Eigentlich hätte er sich damals ja freuen sollen. Er hatte dies auch gewollt, aber er hatte es nicht gekonnt. Er hatte sich nicht für sie freuen können. Und verflucht hatte er plötzlich all die Frauen, mit denen er das "Andere" ausgelebt hatte, freudlos ausgelebt hatte. Aber nun gut, nun wollte sie, Maria, eben "leben", ja klar, soll sie leben, jedem das seine, jeder das ihre, klar, dann braucht sie ihn ja nicht mehr. Ja, was denn nun?, hatte er damals gegrübelt. Bin ich jetzt etwa eifersüchtig?, hatte er sich gefragt. Und es wäre ja wohl lächerlich gewesen, wenn er sie mit einem Mal begehrt hätte, dann, als sie dafür nun wirklich überhaupt nicht mehr zu haben war. Doch er hatte die Zeit anhalten wollen, hätte sie gerne zurückgedreht. Ging aber nicht, die Zeit schritt fort, unerbittlich fort, geradezu hämisch grinsend zog sie alles mit, was sich ihr in den Weg stellte.
    Der Manfred, ja das ist ein Mann! hatte sie, Maria, ihm, dem Helmut, vorgeschwärmt. Der hinterfragt nicht alles, der nimmt das Leben, wie es kommt. Der macht sich nicht so viele Gedanken. - Und Helmut hatte sich gefragt, ob das denn alles wäre, wonach sich Maria all die Jahre gesehnt hatte. Nach jemandem, der sich keine Gedanken macht und nichts hinterfragt. Er ist unendlich traurig geworden für sie, seine Maria, die so wenig vom Leben erwartet. Während er sich ja immer so viele Gedanken macht, und sich auch gerne Gedanken macht, denn das Leben ist nicht so einfach, dass man es mit zwei Worten zu fassen bekommt.
    Und als sie Manfred bei Helmut einmal vorstellte, da ist es Helmut richtig schlecht geworden, als er diesen furchtbar großen, quadratischen Schädel sah, in dem dieses so kleine Erbsenhirn wohnte. Und als Manfred später noch in die Disco wollte, Maria aber nicht, da hat Manfred sie streng angesehen. Und sie hat dann plötzlich doch gewollt, worauf Manfred dem Helmut beim Abschied im breitesten Fränkisch noch triumphierend zuraunte: "Siehste, wenn die Weiber ‚Nää‘ sagen, dann meinen sie doch immer ‚Jaa‘." Und Helmuts Magen sehnte sich nach dem nächsten Rinnstein.
    Helmut und Maria hatten sich in der Folgezeit immer weniger zu sagen gehabt und sich von Tag zu Tag immer weiter voneinander entfernt. Immer seltener hatten sie sich getroffen und nie über ihre Beklommenheit geredet. Bis sie sich dann gar nicht mehr sahen und nur dieses Unbehagen zurückblieb, darüber, dass es Dinge gab, die man vielleicht irgendwann hätte sagen müssen, aber nicht sagen konnte, weil sie mit so viel Angst verbunden waren, mit Zweifeln, mit Feigheit.

 

>>> Fortsetzung in "Phantasien aus der Weltprovinz"

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