Hans-Jürgen Beck: Die Hexe (Auszug)

Aus: Hans-Jürgen Beck - Phantasien aus der Weltprovinz

Urheberrechtlich geschütztes Material!

Mich hat gefesselt die elende Zeit! So bin ich gut gewesen und wurde doch auf den Weg geschickt. Wie einst Hiob raunt meine gequälte Seele. Sie haben mein Herz durchbohrt und meine Eingeweide durchwühlt, meine Ehre geschändet, mein Gelächter entweiht und meinen Frohsinn verschleppt. Ich bin ihre Fadenfigur und ihr Saitenspiel. Sie gießen ihren Unrat über mich und zerschlagen mein Gebein. Ich bin geschnürt durch ihren Kleinmut, gebändigt durch ihre Furchtsamkeit. Es sehnt sich mein Herz nach der Wärme und mein Verstand nach der Glut. Mir siedet das Gekröse, die Leber, die schwarze Galle und die gelbe. Mir stockt das Blut in den Adern und der Schleim in den Poren meiner Haut. Meine Stimme ist eine Klage und meine Flöte ein Geheule. Mich hat gefesselt die elende Zeit ....

Angekettet wie eine Bestie verrottet sie im eigenen Unrat, vermodert sie in dieser Dunkelheit, in der nichts bleibt als das Fiepen der Mäuse, das Kratzen der Schaben und Asseln, das Trappeln der Ratten. Schwere Schlüssel klirren. Sie reißen sie aus ihren dumpfen Träumen, aus ihrer Fassungslosigkeit, ein Napf mit fauligem Brei wird ihr zugeschoben oder es packen sie zwei harte Hände, zerren sie hoch, schleifen sie durch einen dunklen Gang und werfen sie in ein weiteres kaltes Gemäuer, in dem das Inferno seine brennenden Pfeile in ihren Leib und ihre Seele schießt. Ihre Knochen knirschen, ihr Fleisch reißt, ihr Verstand will dem Wahnsinn entfliehen, wird aber von zerfetzten Gefühlen und gepeinigtem Blut angefleht und hält stand, hält sich aufrecht und sucht den letzten Funken Hoffnung in diesem undurchschaubaren Gewirr des Leidens.

Stille. Nichts als diese tödliche Stille. Herzens Stille.
Ewiges Schweigen, ewige Einsamkeit!

Aus der Niederschrift des Stadtschreibers:
... wurde vorgeführt vor dem zehntgericht die weydenbusch katharina. Wurde eingeschlossen im stockhaus vor drei tagen. Befragung nach interrogatoria begann. Wie sie heiße und von wannen sie gebürtig. Wer ihre eltern seien und wie sie heißen. Alsdann die frage gestellt, wie lange es sei, dass sie im laster der hexerei stecke. Bestritt dies aber und wollte nie der hexerei sein anheim gefallen. ...
Alsdann zum verlesen der verklagpunkte geschritten, wie sie niedergelegt in der verklagschrift. Hat aber geleugnet all dies. Wurde ermahnt, dass leugnen ihr nicht helfe. Auch sei bekannt aus ihrem dorfe, dass sie aufgefallen sei durch müßiggang, daher doch den verlockungen des teufels in besonderem maße aufgesessen, ihn doch gar beherbergt habe. Bezichtigte die zeugen der narretei und unwissenheit, sei alles unwahr ...

Sie wälzt sich auf ihrem Lager aus Stroh und Pisse. Nicht als Satans Braut wähnt sie sich, sondern als Tochter Christi. Diese Fragen! Diese Anschuldigungen, die sie an den Rand des Wahnsinns treiben. Mit jedem hätte sie "Unzucht getrieben", über die Männer "hergefallen bei Tag und bei Nacht" sei sie, ihnen die "Manneskraft gestohlen und daraus eine Suppe gekocht" habe sie ...
    "Ihr Säue! Ihr Böcke! Ihr in alle Ewigkeit verdammten Hurenböcke! Ihr habt mich geschändet mit euren Blicken, schlimmer als all die Nadeln giftet euer Seiber und euer Schleim, glotzt eure Gier aus euren hervorgequollenen Augenbällen. Verdammt seid ihr, ihr mitleidlosen, ihr selbstgerechten, ihr verabscheuungswürdigen Kreaturen der Hölle! Ihr seid des Satans, dessen ihr mich bezichtigt!"
    Sie hat sich gewehrt und gewunden, hat geleugnet und hat gescholten. Doch das unbeirrbare Regiment des Glaubens ließ nicht locker. Sie hat dem Amtmann in die Augen gesehen, den Schöffen, dem Schreiber und sie haben sich alle abgewendet, haben den Blick entschlossen gesenkt. Einer Hexe in die Augen zu sehen, bedeutet den Untergang.
    Sie verweigert sich der Qual, als sie mit ausgerenkten Armen am Seil hängt. Den rasenden Schmerz, der ihren Körper durchblitzt, als ihre hinter dem Rücken gebundenen Hände emporgerissen werden und ihre Füße verzweifelt über dem Boden zappeln, nimmt sie nur noch in der Erinnerung wahr. Sie versteht die Fragen nicht, die ihr gestellt werden, diese bohrenden Fragen nach dem ganzen Unheil dieser Welt, für das sie, sie allein, die Verantwortung tragen soll ... Aber sie hat aufgehört zu denken, sie dämmert in einem undefinierbaren Raum und nimmt nicht wahr, wie angesichts ihrer Verstocktheit die Köpfe geschüttelt werden, wie sie wieder heruntergelassen wird und ihr zerschlagenes Gebein in das dunkle Loch geschleift wird.
    Was ist geblieben in dieser Finsternis?

... wurde erneut vorgeführt, erschien am leib gesundet. Wollte aber weiterhin nit bekennen die schandtaten. Alsdann für das aufziehen gebunden. An den füßen angemacht das schwerste gewicht, damit ihre verstockung brechen soll. Alsdann aufgezogen, hat sie laut gezetert und den herrn christi angerufen, ihr beistand zu leisten. Ist sie wieder herablassen worden, hat aber nit entsagt. Ist sie schärfer aufgezogen worden, hat laut "ach" und "wehe" geschrien. Hat um barmherzigkeit gebeten, ihr reden nur noch schwach. Hat aber nit bekannt. Christi würd ihr nit sagen lassen, was sie nit wüßt. Ihr zugeredet worden, dass sie bekenne. Satan sei’s, der sie verstocke. Verharrte aber im leugnen und dass man sie nit zwingen könnt, ihre seele selbst zu verdammen. Dann herab lassen worden und befohlen, sie zu legen auf die streckbank und anzubringen dornenwalze. Als man wiederum fragte, war sie schon gefallen in schlaf. Beriet der stockmeister, dass sie nit überleben würd die tortur und besser sei, ihr zu gönnen ruhe und bedenkzeit viere bis fünfe tage lang. Wurde stattgegeben und zurückgebracht in ihr quartier.

Grotesk mutet es an, dass ihr gequälter, kraftloser Leib immer noch in Ketten liegt, an Kettenringe gefesselt, die eines ihrer Handgelenke und ihre Knöchel schon durchscheuert haben. Sie versucht nicht mehr, zu verstehen, wo es nichts zu verstehen gibt. Aber sie will sich nach wie vor nicht verleugnen. Und: Die Angst ist von ihr gewichen. Es besteht kein Grund zur Angst mehr seit dem Zeitpunkt, an dem sie die Angst in den Augen ihrer Peiniger erkannt hat. Sie würde diesen Schelmen, diesen Ausgeburten des Abschaums, nicht beipflichten, nichts würde sie bekennen, gar nichts! Der Tod hat seinen Schrecken verloren, wenn das Leben zum Alptraum wird. 

Am Tag, nachdem ihr die Dornenwalze den Rücken zerstoßen hat, erscheint ein nobler Herr, wohl gekleidet und mit einem freundlichen Lächeln im edlen Gesicht.
    Was haben sie dir nur angetan, Katharina?, fragt er kopfschüttelnd. Sie sieht ihn verwundert, aber nicht erschrocken an. Wer bist du?, fragt sie.
    Ich bin der, den sie die ganze Zeit bei dir vermuten. Aber ich bin nicht so, wie ihre Dumpheit ihnen vorgibt. Hast du Angst?
    Sie bewegt verneinend ihren kahlgeschorenen Kopf. Die Fratze eines Lächelns gleitet über ihr von Wunden zerfressenes Gesicht.
    Du bist schön, sagt er. Du bist stark. Du brauchst keine Angst zu haben. Du hast nichts zu befürchten. Alles, was kommt, wird besser sein als das, was war. Er kniet sich vor ihr hin.
    Werde ich sterben?, fragt Katharina.
    Niemand wird tot sein, wenn er erkennt, sagt er. Ich werde dir die Verrücktheiten dieser Welt offenbaren. Du wirst lachen. Ich bin der Herr des Lachens.
    Warum muss ich noch immer leiden?, fragt Katharina.
    Ich muss dich noch lehren, antwortet Satan.
    Aber mir graut vor dem Tag, an dem die brennenden Holzscheite meine Fußsohlen versengen, der Rauch mir den Atem nimmt, meine Haut platzt und meine Schreie und der Gestank meiner Innereien den Anger umnebeln.
    Du musst Geduld haben, es wird nicht mehr lange dauern, sagt er und zeigt sich in seiner ganzen Schönheit.
    Ihr seid ein schöner Mann, sagt sie und küsst ihn.
    Du siehst, nur die Menschen sind’s, die mich hässlich machen und mir all die Schandtaten andichten. Weder bin ich kalt noch voller Dornen noch voll des Gestanks. Nimm mich zu dir und koste mich aus.
    Nachdem sie die Wonnen seines starken Körpers aufgesogen hat, erhebt er sich und reicht ihr die Hand.
    Komm mit mir!, sagt er und schwingt sich mit ihr in die Luft. Federleicht fühlt sie sich und muss nicht mehr gehalten werden. Sie schwebt frei und wird vom Wind getragen. Sie überfliegt die Felder, den Wald, die Berge. Sie bewundert Landschaften, die sie nie zuvor auch nur erahnt hat.
    Du verblendest mich!, wendet sie sich erzürnt an Satan.
    Er reicht ihr die Hand und lächelt. Es ist dein Werk, das du siehst. Warum redest du von Verblendung? Es ist deine Welt. Du füllst sie mit Leben. Ich bin nur dein Diener, der dich auf deinem Weg hält.

>>> Fortsetzung in "Phantasien aus der Weltprovinz"

 

Urheberrechtlich geschütztes Material!