Johannes Jung: Die Elefantöse (Romanauszug)

Bismarckhöhe, 382 M.ü.M., mit Turm, früher zur Besteigung freigegeben, ein wenig bergab die schwarz ausgewaschene Quellhöhlung des Judenbrünnleins.
Der Turm, ein stämmiger Klotzbau auf bemooster Grundfläche, ragt kaum bis zur Hälfte der Baumhöhe empor und sollte ursprünglich in einer Aussparung unterhalb der nun aussichtslosen Plattform eine überlebensgroße Bronzefigur des eisernen Namensgebers in entschlossener Grundstellung enthalten. Aus Metall- und Geldmangel wurde die Nische jedoch später zum Drittel vermauert, man erwägte eine hochgesockelte Büste des Reichsgründers, schließlich, deutlich nach Kriegsende, erfolgte endlich die Anbringung einer Schrifttafel mit realistischem Halbrelief. Aus Spenden eines privaten Freundeskreises, doch in Anwesenheit des Landrates. Über dem Kanzlerschnurrbart äugt Bismarck seitdem mit melancholischem, leicht aus der Augachse geratenem Silberblick ins genau unterhalb liegende Dorf hinab, zielt dorthin, wo neben dem Löschweiher, wie Frühgeborene noch wissen, ein standsicherer Baumkoloss den ausgedürrten Wipfel emporreckt.
Die Hindenburgeiche a.D.
Die Entfernung zwischen Turm und Eiche ist gerade so bemessen, dass sie bei haltbarem Marschtritt so eben für die Brenndauer einer Pechfackel ausreicht, und die finsteren, zuckend illuminierten Märsche sind Gotthold, der bis zum Ortsrand hinterherlief und atemlos die gröhlend und schwer schnaufend aus dem Sonnenuntergang daherstampfenden Kohorten verfolgte, in immer wieder neubelebter Erinnerung. Dort verharrte er, kurzbehost, unbeschuht, der Knabenzwerg, und gaffte der väterlichen Trittfestigkeit hinterher.
Mitten im Gesang, dass die Reihen fest geschlossen seien, war einer der Vorausmarschierenden aus dem Glied geraten, offenbar ausgeglitten auf dem feuchten Grund, gestürzt und hatte sich bis übers Knie mit Schlamm besudelt. Man eilte herzu, aufzuhelfen, der kleine Gotthold aber war über das käferhafte Gewimmel in unbändiges Gelächter ausgebro-chen.
Der Vater hatte Gottholds Lachen erkannt, löste sich aus der dunklen Front, erkannte wohl auch, dass die Mitmarschierenden
den arglosen, verletzenden Freudenausbruch als seinem Sohn zugehörig verstanden hatten, drehte sich zu ihm herab und führte mit der flachen, gespannten Hand einen einzigen, überraschenden Schlag gegen des Knaben Lippen, schlug noch einmal mit dem Handrücken hinterher, heftiger, unbeherrschter, von des Vaters, Leberecht Weidlichs Scham über das Maß der berechtigten Strafe hinaus verstärkt.
Gotthold war wie starr gestanden, die Züchtigung blieb ihm unverdient und fremd, der Schmerz brannte nur über der äußersten Haut, und erst als er den unausweichlichen Blutgeschmack auf der Zunge spürte, und den Vater wieder in die Reihen zurückkehren sah, dem gestürzten Ordensträger zu erneut sicherem Stand zu verhelfen, als sei nichts geschehen, schickte Gotthold ihm noch ein wenig Rotz und Tränen hinterher.
Später, als sich die Fackelträger zerstreut hatten, hatte der Vater den immer noch verhalten daherweinenden, steckensteif stehengebliebenen Knaben mit dem Katzengriff am Genick genommen und der Mutter über die Schwelle geschoben.
Da hätte sie ihren Rotzbuben, den Verrecker.
Sein Gekicksere würde er ihm schon noch austreiben.
Die Mutter schien alles begriffen zu haben, packte ihn rasch und sperrte ihn vor des Vaters Unberechenbarkeit und zur Fortsetzung des Strafvollzugs in die schmale, lichtlose, nach Wachs und Schmierseife stinkende Putzkammer.
Immer noch eher erstaunt als erschrocken, unwissend, ohne rechte Ahnung von der Größe seiner Untat, saß der vierjährige Gotthold dann lange wie versteint im finsteren Besenverschlag, so verwirrt, dass er nicht nach den Eltern zu schreien wagte, nicht mit den Fäustchen gegen die Türe trommelte oder seinen schmalen Körper dagegenwarf. Er war nur auf den dreibeinigen Wischschemel gesunken und hatte zu dem winzigen Fenster hinaufgestarrt, durch das sich die Nachtminuten hereinschlichen, langsam, langsam, mit ihnen alle bösen alten Traumgesichter, die bleichen Mondfratzen, und ließ sich von ihnen Brust und Augen totbeißen. Viele Minuten krochen so leise herein, viele Schrecken, bis endlich von draußen, wo man alles für Verstocktheit nahm, die Türe aufgerissen wurde und der väterliche Schattenwurf breit über ihn fiel.
Hart emporriss.
Sein blödes Gelache, vor den Kameraden und Volksgenossen, sei ihm jetzt hoffentlich vergangen.
Der Knabe, der gerne davongerannt wäre, hing wie ein Beutetier zwischen den Fingern Leberecht Weidlichs, schlaff, baumelte sackartig, stierte auf die blankgewichsten Stiefelschäfte hinunter, die zierlichen Schlammwülste, die um die Sohle liefen, und hatte sich schon dem nächsten Schlag ergeben; der Vater aber, der noch strenger war, hatte ihn auf den Boden gleiten lassen und den Buben tagelang von sich gewiesen.
Gotthold, noch nie ganz unbeschwert, war das Lachen in der Tat vergangen, und auch das Sprechen war ihm nicht leichter geworden.

Aus: Die Elefantöse. Eine zarte Geschichte aus dem Unterholz. Roman. Rmd-Verlag 2014.