Johannes Jung: Im Halbschatten (Auszug aus dem Erzählband)

1. Fall: Ein Augenblick
Ödlund. 22. Juni 2012. IV. Stock. 16.11 Uhr

Sture Zirrhøsen stand am Fenster.

Vier Stockwerke unter ihm bewegte sich der Nachmittagsverkehr mehrspurig am Präsidium vorbei, zügig, gelassen, keineswegs übermäßig schnell. Die Kollegen der Frühschicht hatten gerade das Haus verlassen und trieben in ihren leichten, dunklen Unisex-Jacken wie anthrazitgraue Blütenblätter nach Hause, zu Frau und Kind und Gartengrill, so musste man vermuten, in den Mittsommerabend hinein.

Anthrazitgraue Blütenblätter!

Er schüttelte sich.

Ein Bild, hinkend wie ein Sandkorn im Auge.

Ein Sandkorn?

Hinkend?   

Es schüttelte ihn noch einmal, heftiger diesmal, beinahe spastisch.

Unten aber der vertraute Anblick: Die nach rechts langsam ansteigende Storregatan, der sanfte Fahrzeugstrom, die niedrigeren Häuser hinter der geschlossenen Reihe parkender Wagen gegenüber, Fußgänger in der wirren Zielstrebigkeit frisch geschlüpfter Kaulquappen, weiter hinten, links, im Gegenlicht, konnte man das Meer erahnen. Sah aber: graugelben Dunst,  unscharfe Wolkenbänke.

Vor ein paar Minuten war ein Kleinbus mit dunklen Scheiben aus dem träge pulsierenden Verkehr ausgeschert und hatte in der Parkbucht direkt vor dem Gebäude angehalten. So stand er nun immer noch, bewegungslos, Touristen vielleicht, um zu telefonieren oder für einen Blick auf den Stadtplan. Nein, da rührte sich nichts im Wagen.

Jetzt, ein wenig nach den anderen, verließ auch Myrrtha das Gebäude, glitt die vier, fünf Stufen vor dem Eingang hinunter und wiegte sich, eine winzige Stockung der vorüberrauschenden Fahrzeugkolonnen nutzend, auf die andere Straßenseite hinüber. Drehte sich noch einmal zu der aschgelben Fassade zurück, gleichgültig, und strich sich die Haare aus der Stirn. Myrrtha Blondholmsen von der psychologischen Forensik, deren Weiterbildungsseminare immer sofort bis auf den letzten Platz belegt waren und die jeden Raubmörder hätte zu Tode lächeln können, wenn es schon welche gegeben hätte, in ihrer bisherigen Dienstzeit. Zirrhøsen sah das ebenmäßig helle Oval ihres Gesichtes, die schmal und schön geschnittenen Augen, ihr Lächeln beim Einsteigen. Und sie bewegte sich bei all dem mit so grüngoldener Gelassenheit, als ob sie auch morgen wieder ebenso gedankenlos und geschmeidig in ihren Wagen steigen würde, und übermorgen und in der nächsten Woche wieder. Sie würde auch heute, wie an jedem sonnigen Tag, zuerst das Dach öffnen, dann den Schal um den Nacken legen und sich noch einmal durch die Haare fahren oder irgendetwas aus der Handtasche herauskramen und ihre Brauen nachziehen.

Gerade so, als ob im nächsten Augenblick nicht schon alles vorbei sein könnte.

Und jetzt stand Sture Zirrhøsen am Fenster, hatte unwillkürlich die Hand um den Fenstergriff gelegt, als wolle er es aufreißen, noch irgendetwas Abschiedsbetonendes oder angenehm Sexistisches hinunterrufen, ließ es aber, weil ihm absolut nichts einfiel, das über die Geistesgegenwart einer Zimtschnecke hinausgegangen wäre.

Er kniff die Augen zusammen. Die Schiebetüre war sehr rasch zurückgerissen worden und zwei Männer, ein Hüne und ein Kleiner, Drahtiger, sprangen elastisch aus dem Kleinbus und bewegten sich so zielstrebig auf die panzerverglaste Eingangskabine des Präsidiums zu, als ob sie diesen Weg schon tausend Mal gemacht hätten. Und auch ohne Sture Zirrhøsens scharfe Altersweitsichtigkeit hätte jeder ihnen sofort ihre Waffen- und Kampfsportausbildung angesehen.

Genau in dieser Sekunde trat unten in der Stadthalle der Generalpräsident vom Mikrofonpult zurück, nach seiner relativ umjubelten Eröffnungsrede, und winkte beidhändig in den Saal hinein, Beifall schwappte ihm entgegen, warm, freundlich, voll routinierter Begeisterung. Und in eben derselben Sekunde fingerte der Rettungsassistent Bjarne Ulcaeus im Bereitschaftsraum des Katharinenhospitals mit geschicktem Pinzettengriff den letzten verhassten Zwiebelring von seinem Fischbrötchen und reihte ihn neben den anderen am Tellerrand auf. Im nächsten Moment würden seine großen, ebenmäßigen Schneidezähne krachend in die Brötchenkruste eindringen. Unter seiner Zunge lief schon der Speichel zusammen, in Vorfreude und unschuldiger Lust.

Myrrtha jedoch warf einen letzten Blick über die Schulter, um sich in den nun dünner werdenden Verkehr einfädeln zu können.

Einen allerletzten Blick.

Aber oben vor Zirrhøsens Fenster war da ein Lichtreflex, ein Aufblitzen, ein silbernes Flirren in der Luft, und im selben Moment schon ein Schrei, an dem nichts Menschliches war.

 

Aus: Im Halbschatten. Erzähband. Rmd Verlag 2015, ISBN978-3-981-5267-7-6. 8.